Barrierearmut
Ein Kommentar von Selbstvertreterin Silvia Hoffmann
In vielen Diskussionen wird Barrierearmut vor allem aus der Perspektive körperlicher Beeinträchtigungen betrachtet, etwa im Hinblick auf Mobilität, Zugänglichkeit oder sensorische Reize.
Diese Perspektive ist wichtig – aber nicht ausreichend.
Barrierearmut muss ganzheitlicher verstanden werden.
Neben körperlichen Barrieren gibt es seelische, psychische und kognitive Barrieren, die sich nicht allein durch technische oder räumliche Anpassungen auflösen lassen.
Seelische Barrieren betreffen das innere Erleben eines Menschen:
Gefühle von Unsicherheit, Überforderung, Beschämung, individuelle kollektiven Erfahrungen oder fehlendem Halt.
Sie entstehen häufig dort, wo Tempo, Erwartungen, soziale Dichte oder Bewertung dominieren.
Psychische Barrieren betreffen die Fähigkeit, Anforderungen zuverlässig und dauerhaft zu erfüllen.
Psychische Beeinträchtigungen verlaufen oft phasenhaft. Barrierearmut bedeutet hier vor allem Flexibilität, Nachsicht,
Pausenmöglichkeiten und das Akzeptieren von Nicht-Verfügbarkeit – ohne Sanktionen, Abwertung oder Rechtfertigungsdruck.
Kognitive Barrieren betreffen das Verstehen und Verarbeiten von Informationen.
Hier sind klare Sprache, Transparenz, Wiederholbarkeit und nachvollziehbare Abläufe entscheidend.
Barrierearmut ist daher mehrdimensional.
Sie erschöpft sich nicht in der Reduktion von Reizen oder der Anpassung von Räumen, sondern umfasst auch Sprache, Haltung, Beziehungsgestaltung und Machtverhältnisse.
Zur „stillen Stunde“
Eine „stille Stunde“ kann Reize reduzieren, beseitigt aber nicht automatisch Angst, innere Anspannung oder das Gefühl, nicht willkommen zu sein.
Es gibt noch viel zu tun!